ÜBER

Dr. Anne-Kathrin Reif  Auszüge aus ihrer Rede anläßlich der Ausstellungs-/Festivaleröffnung

beim ASSOZIATIONEN-Festival in der Citykirche in Wuppertal 8.4.2018

 

(…) Nichts liegt der Künstlerin nämlich ferner, als die Betrachtenden zu belehren, ihnen die Welt zu erklären, sie mit verschlüsselten Botschaften herauszufordern oder ihnen ihre eigene Sicht der Dinge aufzunötigen.
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Manchmal findet so etwas von der Ratlosigkeit, dem Zorn, der Fassungslosigkeit angesichts des Zustandes unserer Welt seinen Weg auf die Leinwand und reichert sich auf diesem kurzen Weg auf wundersame Weise mit genau der Portion Witz und Ironie an, die uns einen Moment des befreienden Lachens schenkt.
(…)
Zur Natur der Malerei von Birgit Pardun gehört nämlich unbedingt der schnelle Gestus, mit dem ihre Bilder auf der Leinwand entstehen.
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Es ist ein kreativer Prozess von großer emotionaler Unmittelbarkeit unter Umgehung aller verstandesmäßigen Kontrollen und Barrieren – manchmal malt die Künstlerin, obwohl Rechtshänderin, sogar mit der linken Hand, weil sie sagt „Ich will nicht denken“.
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Es ist mithin ein Prozess, der verlangt, vollkommen im Moment des künstlerischen Tuns präsent zu sein und auf das zu reagieren, was gerade passiert. In dieser Hinsicht ist die Malerei von Birgit Pardun sehr eng verwandt mit der Frei Improvisierten Musik. In beiden Fällen entsteht etwas im Prozess, das nicht planbar ist und dessen Ergebnis vorher nicht abzusehen war – das aber dennoch keineswegs beliebig ist.
Einen großen Unterschied gibt es freilich: während es in der Improvisierten Musik keine „Fehler“ und keine „falschen“ Töne gibt, weil sich alles aufgreifen und verwandeln lässt, kann in der verwandten Art der Malerei ein Strich mit dem Pinsel, ein Fehlgriff in den Farbtopf schon mal alles unwiderruflich verderben. Denn während die Improvisierte Musik im Grunde eine flüchtige Kunstform ist, bei der Entstehen und Vergehen zusammenfallen, entsteht bei der Malerei immerhin ein Werk, das über den Moment hinaus Bestand hat. Die Art der Malerei, wie Birgit Pardun sie betreibt, verlangt deshalb gleichermaßen Vertrauen in die eigene Intuition und Fähigkeit, wie den Mut zu scheitern.
(…) – vorausgesetzt, man denkt dabei nicht nur an Ernst und Schwere sondern fügt ihm etwas Spielerisches und vielleicht sogar Heiteres hinzu – vielleicht im Sinne von Samuel Becketts Ever tried. Ever failed. No matter. Try again. Fail again. Fail better. Und vielleicht ist das ja die eigentliche Kunst in der Kunst und im Leben.

Was dabei herauskommt, ist sehr oft von einem wunderbar schrägen Humor, wobei sich der ganze Witz oft erst im Zusammenspiel mit den Bildtiteln entzündet, die voller Anspielungen und Wortspiele sind (…) . Aber sehr selten sind ihre Bilder einfach nur heiter-lustig, und trotz ihrer vermeintlichen Einfachheit, die an unbefangene kindliche Malereien erinnert, sind sie nie süßlich und sie sind nie eindeutig. Wobei die Assoziation zu kindlichen Malereien ja gewiss nicht falsch ist: Auch das Kind malt ja nicht mit der Absicht, einen Gegenstand möglichst korrekt abzubilden; es geht ihm nicht um die Abbildung, sondern um das Begreifen und um die Aneignung von Welt im Prozess des Malens. Birgit Parduns Malerei ist auf ähnliche Weise eine Suche nach der Urform, nach dem Urzugang zur Welt – allerdings zur Welt der Erwachsenen mit all ihren widersprüchlichen und manchmal auch schwer zu ertragenden Erscheinungen.

(…) Fast immer haben ihre Bilder etwas Gebrochenes, so wie die bunten Farben eine Beimischung haben, die sie trübt und manchmal geradezu verdreckt.
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Oft haben sie auf den zweiten Blick sogar etwas Verstörendes, und der Humor ist ein ziemlich schwarzer. (…)   es ist die Art von Witz, der uns das Unbehagen daran, dass diese Welt ziemlich verdreht ist, nicht nehmen kann und will (und eher noch darauf aufmerksam macht) – der aber zugleich zeigt, dass der Humor eine ziemlich gute Waffe ist, dem zu begegnen.

(…)

2018 © Anne-Kathrin Reif

Birgit Pardun

66er, 2. Staatsexamen Chemie und Kunst Sek. I, Mediengestalterin, Grundausbildung Theaterpädagogik, freie Theaterproduktionen [Schauspiel, Musik, (Video)-Bühnenbild / Die Barmer Küchenoper, Literatur-Oper Köln] Musik, Kunst